Zeit der letzten Wünsche

Sterbende sorgen sich um ihre Hinterbliebenen

Interview mit der Psychotherapeutin Frau Klaudia Fleck

Der Gegenstand des Interviews mit Frau Klaudia Fleck, Psychotherapeutin des stationären Helga-Treichl-Hospizes in Salzburg (nunmehr Raphael Hospiz Salzburg), betraf die Thematik der Grenzziehung im Umgang mit Sterbenden, das erforderliche Fingerspitzengefühl bei der Frage nach ihren Wünschen und die Bedeutung der Gewissheit, dass ihre Lieben auch ohne sie zurechtkommen werden.

Menschen, die sich bewusst über ihren nahen Tod sind, benehmen sich teilweise aggressiv gegenüber ihrer Umwelt. Wie gehen Verwandte, Pflegepersonal oder auch Psychologen damit am besten um?

Wenn man sehr hilflos ist, reagiert man auch mit Aggression. Es kommt immer wieder vor, dass mir Angehörige erzählen, so wie der Patient oder die Patientin sich benehmen, sei das ein anderer Mensch als sie ihn bis jetzt gekannt hätten. Die Patienten wissen, dass sie ihren geliebten Menschen dieses oder jenes an den Kopf knallen können. Sie wissen, diese Menschen waren in den letzten dreißig oder auch fünfzig Jahren immer für sie da und sie sind womöglich jene, die diese aggressiven Reaktionen am besten aushalten.

Die Patienten sind sicher, dass der Angehörige bei ihnen bleibt, egal was passiert?

Genau. Aber unsere Arbeit besteht darin, auszuloten, was noch tolerierbar ist und ab wann es nötig wird, Grenzen zu ziehen. Wenn man gar keine Grenzen setzt und sich permanent beschimpfen lässt, immer bleibt und immer liebevoll reagiert, kann der Betroffene es auch so interpretieren, dass er ihnen nicht mehr wichtig ist. Dann wird alles uferlos. Darin liegt eine Gefahr. Deshalb müssen Grenzen sein. Man darf ruhig auch sagen: So nicht. Der Betroffene will das auch hören, er schreit quasi danach und will Regeln. Denn schließlich will er sich nicht auf seine Krankheit reduzieren lassen. Krebsdiagnosen sind häufig so massiv, dass viele Menschen beginnen, sich im Familiensystem nicht mehr so zu benehmen, wie sie es sonst machen würden. Die meisten würden es sich nicht gefallen lassen, heftig beschimpft zu werden. Durch die Diagnose darf der Betroffene plötzlich alles. Aber auch dieser Umstand, alles tun und lassen zu dürfen, ist eine Art Überforderung. Sich nicht auf die Diagnose reduzieren zu lassen, ist für viele eine sehr wichtige Angelegenheit.

Angehörige sind oft noch mehr betroffen als der Patient selbst, weil sie mit der Erstellung der Diagnose aufgehört haben, ihr eigenes Leben zu leben. Plötzlich dreht sich alles nur mehr um die Erkrankung des Partners, um Termine für Untersuchungen, Operationen, Chemotherapien, Alternativmedizin und vieles mehr. Die Seele schafft es nicht mehr, diesem Tempo nachzukommen und so bleiben die psychischen Bedürfnisse auf der Strecke. Die Wichtigkeit der eigenen Gesundheit bewegt sich immer weiter weg. Des Öfteren höre ich von Angehörigen den Satz: „Jetzt muss ich stark sein und für meinen lieben Menschen da sein.“ Aber genau hier müsste aus meiner Sicht auch die Selbstpflege einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Denn nur wenn ich für mich selber sorge, kann ich auch gut für meinen Angehörigen da sein.

Wie gelingt es Angehörigen, ihr eigenes Leben nicht vollkommen aus den Augen zu verlieren?

Viele betroffene Angehörige befinden sich bereits in einem Hamsterrad, aus dem sie ohne die Hilfe eines Dritten nicht mehr entkommen können. In meinen Therapiesitzungen geht es oft darum, wie es gelingen kann, sich wieder selbst zu spüren und sich mit seinen eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen. Er oder sie müssen sich die Frage stellen, was sie früher für sich alleine getan haben. Vieles wird im Zuge der Fürsorge aufgegeben, beispielsweise dass man mit Freunden wegfährt oder ins Fitnesscenter geht. Manchmal kommt dann der Gedanke, mich gibt es auch noch und für diesen Gedanken gibt es eine absolute Berechtigung.

Wenn jemand aus dem Umfeld stirbt, verrückt ein ganzes System. Ob wir wollen oder nicht, das ganze System verändert sich. Es ist verrückt im Sinne der doppelten Bedeutung dieses Wortes, denn Angehörige sagen oft, sie hätten das Gefühl verrückt zu werden. Wenn man jahrzehntelang zusammen gewesen ist, gibt es in einer Familie oder einer Partnerschaft eine bestimmte Gemeinsamkeit. Wenn jemand aus dem System gerade dabei ist, zu sterben oder schon gestorben ist, dann entsteht eine große Lücke und man kann nicht so tun, als wäre nichts passiert. Es kommt mit der Zeit aber oft zur Erkenntnis, dass diese Verrücktheit sich einer neuen Normalität annähert. Vieles steht am Kopf. Nach dem ganzen Durcheinander gibt es aber auch eine Chance zur Neuorientierung. Wut ist dabei eine Emotion, der in der Trauerarbeit ein sehr wichtiger Stellenwert zukommen kann. Wut ist eine Kraft, ist ein Motor. Sie stellt eine Möglichkeit dar, den Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Wir haben schon in unserem ersten Gespräch über Wünsche Sterbender gesprochen. Welche Wünsche haben Menschen, wenn sie sich über das nahende Ende bewusst werden?

Eigentlich könnte man diese Frage mit einem Satz abtun, denn jeder Wunsch ist so individuell wie jeder einzelne Mensch. Den Patienten diese Frage zu stellen, ist auch heikel. Denn wie kann ich diese Frage stellen, wenn ich selber bemerke, wie schwer krank die Person ist?

Haben Sie persönlich eine Hemmschwelle, diese Frage zu stellen?

Ja, das ist ein ganz sensibler Punkt, dem man nicht einfach mit der normalen Fragestellung begegnen kann.

Warum handelt es sich dabei um eine sensible Angelegenheit, nach den Wünschen zu fragen?

Weil sich die Menschen, die schwer krank sind, einfach nur Gesundheit wünschen. Patienten können sich durch diese Frage rasch gekränkt fühlen. So nach dem Motto, was soll ich mir schon wünschen? Natürlich wünsche ich mir, dass ich gesund werde. So einfach kann man diese Frage niemandem stellen, der am Weg ist zu sterben. Vieles reduziert sich in dieser letzten Phase des Lebens. Man kann schon sagen, ich würde gerne Urlaub machen, ich würde gerne Skifahren gehen. Solche Ideen sind am Lebensende aber meist nicht relevant, da es sehr oft um ganz reduzierte Basissachen geht. Die Patienten möchten einfach gerne wieder etwas essen können oder sie möchten beispielsweise schnell sterben. Denn in ihrem Zustand möchten sie nicht mehr weiterleben. Sie sagen, mein Körper ist so kaputt, schauen sie mich an, früher konnte ich alles selber machen. Jetzt kann ich nicht einmal mehr gehen, nicht mehr selbstständig handeln.

Immer weniger zu werden, heißt für manche, es sei der Zeitpunkt gekommen, schnell zu sterben. Wenn dieser Wunsch sich nicht erfüllt, verspüren manche einen Ärger darüber. Sie fragen, warum kann ich jetzt, wo ich bereit bin, nicht schneller sterben? Wut und Verzweiflung machen sich breit. Gespräche mit Krankenschwestern, Ärztinnen, Seelsorgerinnen und Therapeutinnen können hilfreich sein und unterstützend, diese Situation genauso anzunehmen, wie sie ist. Manchmal gelingt es, dem Leben sogar noch schöne Momente abzugewinnen.

Sind die Menschen dann tatsächlich bereit für den Tod?

Ob sie innerlich wirklich in allen Punkten bereit dazu sind, darüber kann man endlos spekulieren. Bei diesem Thema kommt man in sehr tiefe Schichten hinein. Es gab eine Patientin, die sagte, sie habe alles gemacht. Sie hatte 1.400 Chemotherapien in Form von Tabletten. Sie hat alle Schachteln aufbehalten und gezählt, was sie geschluckt hatte. Dann kam die große Kränkung: Und ich bin trotzdem krank. Man weiß nicht was gewesen wäre, wenn sie auf die Tabletten verzichtet hätte. Wir kennen nur diesen Weg, den sie tatsächlich gegangen ist. Aber dann kam ein Zeitpunkt, wo sie wollte, dass es schnell geht.

Wenn man danach fragt, was man noch machen könne oder wovor sich die Patienten sorgen, kommen Antworten wie: Ich will nicht ersticken. Ich möchte keine Schmerzen haben. Dass die Ärzte hier medikamentöse Möglichkeiten bieten, ist etwas Beruhigendes. Und es beruhigt auch auszusprechen, wovor man Angst hat. Ich habe nur ganz wenige kennen gelernt, die Angst vor dem Tod hatten. Fast alle haben Angst vor dem Prozess des Sterbens. Auch davor, dass andere Handlungen setzen, mit welchen man nicht einverstanden ist, sie aber nicht mehr abwehren kann, weil man sich nicht mehr ausdrücken kann. Beim Tod, sagen die meisten, ist es dann eh vorbei. Dann kommen noch Religionen und Glaubensdenkweisen ins Spiel. Manche legen auf die Waagschale, was sie Gutes und Schlechtes in ihrem Leben getan haben. Es gibt das Bild von Gott dem Gerechten und wie das wohl sein mag, vor ihm zu stehen. Manche sagen zu sich: Hoffentlich wird das gut ausgehen.

Hadern Menschen damit, Dinge in ihrem Leben ausgelassen oder verpasst zu haben?

Ich habe von dem Landwirt erzählt, der gerade seinen Hof übergeben wollte, um sich mit seiner Frau ein schönes Leben zu machen. Dann kam die schockierende Diagnose und er ist kurz darauf gestorben. Da kann man schon den Eindruck bekommen, das Leben hat einen beschissen. Andere sprechen von einer großen Dankbarkeit dafür, was sie erleben durften, was sie gesehen haben. Sie haben nichts ausgelassen, sagen aber auch, sie würden beispielsweise ein bestimmtes Fest noch gerne erleben. Menschen, die gelebt haben, fühlen sich nicht so betrogen vom Leben. Sie sagen sich, ich durfte leben und es war schön so. Ihre Dankbarkeit wird dann fast spürbar.

Das bitterste Gefühl ist also, sich nicht genug vom Leben herausgenommen zu haben?

Genau. Aus welchen Gründen auch immer sich eingestehen zu müssen, nicht gelebt zu haben. Das ist eine schockierende Erkenntnis. Darum sagt man auch, wenn nicht jetzt, wann dann? Die alten Sprüche haben schon Tiefsinn. Was den Patienten noch wichtig ist, sind natürlich Liebesbeziehungen. Kann man die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner noch einmal sehen? Wo wäre ein Raum oder eine Möglichkeit dafür?

Sie sehnen sich nach Sexualität?

Einfach danach, ihn oder sie noch einmal zu sehen, egal ob sie noch einmal Sexualität oder Intimität leben. Sexualität gilt ja als ein Teil der Intimität. Sich zu streicheln, zu berühren, sich ins Bett des Partners legen zu können und alleine zu sein. Dafür ist im Hospiz ein eigenes Schild mit der Aufschrift: „Bitte nicht stören!“ vorgesehen. Ich sage es auch den Schwestern, wenn jemand ungestört sein will. Sie betreten den Raum dann nur, wenn der Patient oder die Patientin läutet.

Warum soll sich ein Angehöriger auch nicht zu jemandem ins Bett legen? Die Hygienevorschriften sind in diesem Fall nicht notwendig. Viele sind dabei sehr vom Krankenhaus geprägt. Man darf dieses nicht und jenes nicht. Für manche ist es dann gar nicht selbstverständlich, weil man eine Odyssee an Krankenhausbesuchen hinter sich hat, wo Vorschriften wegen der Hygiene und möglichen Infektionen sicher berechtigt sind. Auf manchen Stationen im Krankenhaus ist es überhaupt nicht erlaubt, sich zu seinem Nahestehenden zu legen. Die Leute kommen bei uns selber oft gar nicht auf die Idee. Sie trauen sich erst, wenn sie eine Einladung oder die dezidierte Erlaubnis dazu bekommen.

Kürzlich habe ich mit jemandem telefoniert, dessen Frau bei uns verstorben ist. Der Herr meinte, es sei für ihn noch so schön gewesen, dass er sich mit ihr körperlich austauschen konnte. Er konnte ihr Gesicht streicheln, konnte sie noch einmal spüren und sie noch einmal wahrnehmen. Genau diese Eindrücke habe er dann mitgenommen. Ihm blieb es auch als Trost, dass dies noch möglich war. Er sagte zu mir. „Ich spüre immer noch ihr Gesicht und ich habe sie auf den Mund geküsst. Diese Zärtlichkeit war für mich wirklich etwas sehr Schönes.“

Ist es für viele Patienten noch wichtig, trotz ihrer Erkrankung schön und attraktiv zu sein?

Ja, man macht sich gerne noch schön. Vielleicht auch zum letzten Mal für den Übergang. Einige unserer Patienten wollen noch zum Friseur. Man möchte sich noch die Haare machen oder die Nägel fein lackieren. Die Friseuse kommt dann zu uns ins Hospiz. Eine Dame hatte sich sehr schöne Ohrringe aus dem Katalog gekauft, die sie mir präsentierte. Sie sagte: „Und die trage ich, wenn ich tot bin. Ihr müsst sie mir bitte an die Ohren stecken.“ Als sie dann verstarb, wurde ich etwas nervös, weil wir die Ohrringe nicht gleich finden konnten. Es dauerte eine Weile, sie aufzuspüren. Wir hatten zu ihr noch gesagt, sie solle sie nicht zu gut verstecken, damit wir sie auch finden können. Der Schmuck war ihr sehr wichtig, denn sie hat speziell diesen ausgesucht. Es waren Creolen-Ohrringe mit einem bläulichen Stein. Auch das Kleid hatte sie vorbereitet. Es war ein Trachtenkleid.

Angehörige waren einmal ganz entsetzt, weil sich ein Betroffener eine Brille gekauft hatte, die sehr viel Geld kostete. Die Verwandten waren beinahe verärgert, dass er knapp vor seinem Tod noch so viel ausgab. Er reagierte beleidigt darauf, weil er diese Brille eben haben wollte. Dahinter stand einfach rationales Denken. Er konnte schon beinahe nichts mehr sehen und wollte lesen. Es gibt aber auch die umgekehrte Herangehensweise. Betroffene sagen dann, nein, das kauf ich mir nicht mehr, das zahlt sich nicht mehr aus. Und die Angehörigen reagieren darauf: „Freilich brauchst du das noch und wenn es nur für kurze Zeit ist. Ich vergönne es dir, wenn es dir Spaß macht, dann besorge ich es.“

Eine alleinerziehende Mutter wollte unbedingt noch Geschenke für ihre Kinder besorgen lassen. Es war ihr sehr wichtig, dass ihre Kleinen ein Kuscheltier bekommen. Sie hatte für die beiden schon einen guten Platz ausgesucht, wo sie aufwachsen würden. Die Kinder wurden von einer Pflegefamilie aufgenommen, die auch die Mutter kennen gelernt hatten. Sie freute sich sehr darüber, dass sie ihren Kindern die Geschenke noch machen konnte. Es gibt natürlich häufig den Wunsch, dass es den Angehörigen nach dem eigenen Tod gut geht. Das höre ich öfter. Auch wenn manche nicht mehr sprechen konnten, gab es bei Patienten eine Erleichterung, ein Aufatmen, wenn ihnen mitgeteilt wurde, dass sich jemand um die Hinterbliebenen kümmern würde.

Ist es eine Art Erleichterung zu wissen, meine Lieben werden auch ohne mich zurechtkommen?

Sicherlich. Mir fällt ein Beispiel dazu ein. Eine unserer Patientinnen war seit 45 Jahren verheiratet. Im Hospiz lernte sie ihrem Mann das Kochen. Sie studierten gemeinsam Rezepte und der Gatte wurde nach der Reihenfolge abgefragt, wie er vorzugehen habe. Während ihr Mann zu Hause kochte, war sie ständig am Telefon erreichbar, um ihm Hilfestellungen zu geben. An einem Nachmittag gab es dann die Speise, die der Gatte gemacht hatte, zu probieren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie stolz die Frau zu mir sagte, ihr Mann habe jetzt seinen ersten Semmelknödel gemacht und dieser sei gut gelungen. Sie mache sich keine Sorgen mehr um ihn. Mein Versprechen, dass ihr Mann zu einem Gespräch zu mir kommen könne, nachdem sie verstorben sei, hatte sie schon zuvor eingeholt.

Auch ihre Tiere möchten die Patienten gut versorgt wissen. Viele, die hierher kommen, haben schon einen neuen Platz für ihre Haustiere gefunden. Knapp nachdem das Hospiz eröffnet hatte, zog jemand mit einer Katze ein, was für das Personal aber keine leichte Situation darstellte. Eine Patientin hatte einmal zu einer Schwester gesagt: „Du nimmst dann meine Katze, wenn ich gestorben bin.“ So war es dann auch.

Versöhnungen werden auch oft zu einem großen Thema innerhalb der Familien. Ein Mann lag bei uns, dessen Gattin mit seinen Schwestern zerstritten war. Er wollte unbedingt, dass seine Frau sich mit ihnen versöhnt. Sie sagte, sie könne das nicht. Er hat sehr darunter gelitten, dass es von beiden Seiten keine Bereitschaft zur Aussöhnung gab. Gefährlich wäre es aber auch, wenn sie ihm eine Versöhnung versprochen hätte, die dann nie hätte stattfinden können. Sie blieb bei ihrem Standpunkt. Ich habe zu ihm gemeint, dass es eben manche Dinge gäbe, die nicht gelöst werden könnten. Wenn sie untereinander nicht bereit seien, einen Schritt aufeinander zuzugehen, dann sei das nicht mehr seine Aufgabe. Das war dann ganz klar ein Wunsch, der offen blieb.

Es gibt immer wieder Sachen, die offen bleiben. Wenn ich Dinge mein Leben lang nicht gemacht habe, etwa nie die Papiere sortiert habe, dann werde ich nicht in letzter Minute damit beginnen, die Papiere plötzlich zu ordnen. Nur weil man stirbt, löst sich nichts. Erst wenn jemand Verantwortung übernimmt, können Veränderungen herbeigeführt werden. In diesem Zusammenhang kommt mir eine ehemalige Patientin in den Sinn.

Was hat diese Dame gemacht?

Sie war über Monate hinweg bei uns und hat nie viel über sich selbst erzählt. Als sie schon nicht mehr gut sprechen konnte, gab sie mir zu verstehen, sie habe noch ein wichtiges Anliegen. Ich schlug ihr einige Dinge vor. Genickt hat sie dann bei meiner Frage, ob ich jemanden anrufen sollte. Ich fand ihr Adressbuch und sie tippte mit ihrem Finger auf mehrere Nummern. Es waren vier Personen, die ich noch anrufen sollte. Eine der vier Nummern gehörte zu einem afrikanisch-stämmigen Mann.

Später stellte sich heraus, dass die Dame für ihn eine Ausbildung in Österreich bezahlt hatte und sie ihn wie einen Ziehsohn betrachtete. Von ihren Freunden und Bekannten wurden ihr allerdings Vorwürfe gemacht, ob es denn wirklich notwendig sei, einen Schwarzafrikaner so großzügig zu unterstützen. Deshalb traf man sich meistens heimlich außerhalb des Hospizes, damit ihr Umfeld nichts davon mitbekam. Mit der Zeit erzählte sie immer weniger über den Mann, da es auf diese Weise mit ihren Freunden und Bekannten weniger Konflikte gab. Aber als sie gemerkt hatte, dass ihre Zeit gekommen war, bekam es eine besondere Bedeutung für sie, sich von ihrem Ziehsohn zu verabschieden. Nachdem ich angerufen hatte, war er ins Hospiz gekommen.

Die Begegnung zwischen den beiden verlief noch sehr schön. Das war wirklich berührend. Der Mann hatte sich inzwischen eine eigene Familie aufgebaut. Wie er mir erzählte, hatte die Dame ihn über Jahrzehnte begleitet. Dass sie sich noch einmal persönlich sehen konnten, war deshalb letztendlich für beide sehr wichtig gewesen.

Aus dem Buch “Die Zeit der letzten Wünsche”