Zeit der letzten Wünsche

Schmerzlinderung

Was wünschen sich eigentlich sterbenskranke Menschen wirklich? Um Antwort auf diese Frage baten wir Frau Barbara Schnöll, Leiterin für den Bereich Pflege im Tageshospiz Salzburg.

Das Tageshospiz wird von Patienten einmal wöchentlich aufgesucht, sechs bis acht Personen pro Tag. Sie werden als „Besucher“ bezeichnet, das unterstreicht die einladende Atmosphäre des Hauses. Nach der Untersuchung und einem Gespräch mit der Ärztin verbringen sie je nach Wohlfühlstatus einige Stunden im Haus, oder eben den ganzen Tag.

In einem der Räume befinden sich zwei komfortable grüne Sessel. Die Rückenlehnen sind mit Hilfe einer Fernbedienung verstellbar. Auch zwei Betten stehen im Raum. Bei Bedarf können sie mit einem Paravent räumlich voneinander abgegrenzt werden. Frau Schnöll erklärt, dass niemand während seines Aufenthaltes im Tageshospiz gerne im Bett liege. Lieber präsentiere man sich aktiv und führe beispielsweise am großen Tisch in der Gemeinschaftsküche Gespräche. Es werde laufend frisch gekocht. Am Nachmittag gäbe es Kaffee und Kuchen. „Unseren Tagesablauf dürfen Sie sich vorstellen, als würden Sie jemanden zu sich einladen. Für den ganzen Tag vielleicht. Jemanden, dem es nicht mehr so gut geht, der gebrechlich ist.“

Ein anderer Raum bietet weitere sechs bequeme grüne Sessel. Hier werden Infusionen verabreicht und ebenfalls viele Gespräche geführt. Bei Interesse kann man sich aber auch über das gut sortierte und umfangreich bestückte Bücherregal hermachen. Ein Buchtitel sticht ins Auge: „Leben“.

Auf dem Weg in den hinteren Teil des Gebäudes, in Richtung Garten, findet man einen breiten, lichtdurchfluteten Gang mit einer gemütlichen Couch. Es handelt sich um den Raucherbereich. „Die wenigsten haben aufgehört zu rauchen, weil sie krank geworden sind. Das Rauchen bedeutet für unsere Besucher Genuss. Und es ist eine Sucht, deren Beendigung ich niemandem mehr zumuten würde. Wer so schwer krank ist, braucht seine Energie für sich selber. Es wäre ohnehin nicht unsere Aufgabe, dazu zu raten“, so Barbara Schnöll.

Am Ende des Ganges gelangt man in den Garten. An seinem Rand plätschert ein kleiner Bach und grenzt das Areal des Hospizes auf sehr behutsame Weise von der dahinter liegenden großen Wiese ab. Die wenige hundert Meter entfernte Allee dient Läufern als Trainingsstrecke und den zahlreichen Spaziergängern als Ort der Entspannung mit freiem Blick auf den Gaisberg. Das Tageshospiz befindet sich ebenso wie das stationäre Helga-Treichl-Hospiz (nunmehr Raphael Hospiz Salzburg) im idyllischen Stadtteil Morzg.

Durch ihre Tätigkeit lebe sie sehr bewusst, meint Frau Schnöll. „Was man jetzt erledigen kann, soll man jetzt erledigen.“ Das Interview wurde an einem geradezu kitschig schönen, sonnigen Sommertag geführt.

Auf die Frage nach besonderen Wünschen der Besucher erklärt Frau Schnöll, viele würden nicht zwanghaft das Credo verfolgen, den Tag positiv zu nutzen und um jeden Preis ihre (letzten) Wünsche zu verwirklichen. Oft lasse dies der gesundheitliche Zustand auch schlichtweg nicht mehr zu. Manche probierten es aber trotzdem. Das könnten durchaus ganz einfache Dinge sein. Besucher möchten etwa noch einmal auf den Großglockner fahren oder zur Kirche, die sie von vielen früheren Wallfahrten her kennen. Man gäbe sich einen Ruck, beim Klassentreffen in diesem Jahr doch zu erscheinen, an dem man unter anderen Umständen wahrscheinlich gar nicht teilnehmen wollte oder sich einfach nicht getraut hätte.

Besonders wichtig sei dabei stets, eine weitestgehende Schmerzlinderung zu gewährleisten und die Selbstbestimmung jedes einzelnen Besuchers zu respektieren. „Im Tageshospiz bieten wir Vorschläge an. Wir haben unterschiedliche Medikamente gegen Schmerzen zur Verfügung. Die Besucher aber sind es, die schließlich zwischen ja oder nein entscheiden“, erläutert Frau Schnöll den Hilfestellungsansatz ihres Hauses.

Menschen, die unter schweren Schmerzen zu leiden haben, empfänden jede Linderung als angenehm. Kleinste Veränderungen, an die viele gar nicht denken, könnten plötzlich positive Impulse bewirken. „Tut einem Patienten der Bauch sehr weh, legen wir eine Rolle unter seine Knie. Die Füße liegen höher, die Bauchdecke entspannt sich“, erklärt Barbara Schnöll. Außerdem legten die Begleiter den Erkrankten zur besseren Wirksamkeit nahe, ihre Medikamente genau in der vorgesehenen Dosis einzunehmen. „Wir sagen, wenn es nicht funktioniert, brauchen sie die Medikamente nicht weiter zu nehmen. Meistens werden sie dann überzeugt. Eben weil es funktioniert“.

Eine andere Interviewpartnerin, die in der Begleitung Sterbender tätig ist und gerne anonym bleiben möchte, berichtet aber auch von ihren Erfahrungen mit Menschen, die ganz bewusst auf Schmerzlinderung verzichten möchten. „Ich schaffe es nicht bei jemandem zu sitzen, der irrsinnige Schmerzen hat und sagt, er müsse sich aufopfern und nähme daher keine Schmerzmittel. Das verstehe ich nicht. Manche haben ein so traditionelles katholisches Bild, das vorgibt, man müsse Gott sühnen. Ich weiß nicht, welchen Blödsinn man da vor 60 oder 70 Jahren erzählt hat. Manche sagen das ja heute noch. Die Tendenz, man müsse Gott gnädig stimmen, gibt es ja auch in der Evangelischen Kirche“.

Aus dem Buch “Die Zeit der letzten Wünsche”